Es folgt ein Gastbeitrag von Kimberly. Kimberly steht für eine vegane Lebensweise und will mit einfachen Maßnahmen die Welt ein kleines bisschen besser machen.
Anregungen, Fragen oder Kritik gerne an kimberly@felipeonthego.de ✨

Es hat seine Zeit gedauert, doch so langsam komme ich in Deutschland als, AUFGEPASST, Veganerin zurecht. Dies hab’ ich unter anderem dem wunderschönen Standort Düsseldorf und dessen relativ progressivem Volk zu verdanken. Eine handvoll Restaurants, wie Sattgrün, Fleischfrei, etc. lassen einem das natürlich kerngesunde, vor Energie und Mitgefühl strotzende Herz, hust, ein bisschen höher schlagen. Powered by Plants halt.

Verlasse ich aber Kleinparis und kehre über das Wochenende wieder in die Provinz zurück, werde ich doch wieder schnell daran erinnert, wie normwidrig und jungfräulich Veganismus in einer 70.000 Einwohnerstadt im 21. Jahrhundert sein kann. Regelrecht geächtet werde ich von der “freundlichen”, leicht übergewichtigen und rotwangigen Dame hinter der Bäckereitheke, nachdem ich mich endlich überwinden konnte, vorsichtig und superhöflich nach den Inhaltsstoffen zu fragen, den misstrauischen Blicken der restlichen, ungeduldigen Kunden schutzlos ausgeliefert. “Was Tierproduktfreies??? Nein. Haben wir nicht und machen wir auch nicht. Von Leuten wie Ihnen kommt hier einmal im Monat einer rein.” Ich bin nicht stolz darauf, doch anfangs habe ich meine unverschämte Anfrage auf einen nicht-existenten Gast, der zu Besuch kommt, geschoben. Mit hochrotem Kopf verlasse ich die Bäckerei. “Leuten wie Ihnen” wiederholt es sich in meinem Kopf. Wer hätte das gedacht. Auch ich würde mich irgendwann in einer Schublade wiederfinden. Vermutlich mit dem Label “Alien”. Alien … per Definition ein Fremder oder Aussenseiter. Das trifft es ganz gut, zumindest in der kulinarischen Welt der provinzialen Bifigourmets mit Bluthochdruck und Milchsommeliere mit chronischem Durchfall.

Umso spannender war es für mich herauszufinden, ob ich mich in Worcester, England auch wie ein von der Gesellschaft verstoßenes Alien fühlen würde. Prinzipiell wäre dies eher unwahrscheinlich, da der moderne Veganismus im Vereinigten Königreich seinen Ursprung hat. Doch als deutsche Staatsbürgerin fällt es nicht leicht, das angeborene Überlegenheitsgefühl abzustellen, wenn es um fortschrittlichen Lebensstil geht. Ganz à la: “Wie hier gibt es kein Pfandsystem?! That’s so barbaric!” Etwas voreingenommen begann ich also mein Selbstexperiment in Worcester. In Worcester, übrigens ausgesprochen wie Wuster und nicht wie Woschester, leben um die 100.000 Menschen. Von der Größenordnung her also vergleichbar mit der zuvor beschriebenen provinziellen Hölle. In Deutschland bezeichnen sich ca. 800.000 Menschen als vegan lebend. Im Vergleich: Im Vereinigten Königreich beläuft sich die Zahl auf etwa 555.000 Menschen. In Deutschland ist folglich etwa jeder 100. Mensch ein Alien und in England jeder 120.

Als erstes war ich super überrascht, dass so gut wie jeder Supermarkt in England, darunter auch ALDI, eine vollständige Liste mit sämtlichen, veganen Produkten online veröffentlicht. Die Liste beschränkt sich hier nicht auf die üblichen Verdächtigen: Vegane Nuggets, veganer Pflanzendrink, veganer Brotaufstrich, etc. Auf dieser Liste sind wirklich ALLE Produkte gelistet die vegan sind, egal wie offensichtlich oder nicht offensichtlich vegan diese auch sein mögen. HALLELUJAH.

Kleiner Exkurs für alle Nichtveganer da draußen. Es mag für einige Menschen selbstverständlich sein, dass Zucker, Apfelsaft und Co. vegan sind. Wenig wisst ihr über die vielen Stunden Recherche und Kopfschmerzen, die diese besagten “selbstverständlich” veganen Produkte einem bescheren können. Ganz zu schweigen von der fürchterlichen Erkenntnis, dass letztendlich ALLES durch Schweinebäuche gefiltert wird. Kleiner Scherz, aber gaaaanz so anders ist die Realität leider nicht. Für die ausführliche Auflistung war ich jedenfalls sehr dankbar. Wieso geht das nicht in Deutschland frage ich mich, obwohl hier der Anteil der veganen Bevölkerung sogar größer ist?! Vermutlich hat die Bifilobby ihre Finger im Spiel.

Weiterer Punkt an die Briten: Die Auswahl an veganen Produkten. Im Tesco kann man bspw. veganen Bluecheese, Cheddar oder eine etwas exotischere Variante: veganer Käse mit Cranberries kaufen. Gerade für mich als Ex-Sucker-For-Cheese ein Traum. Darüber hinaus gibt es jede Menge pflanzliche Fleischalternativen, Drinks, Puddings, Süßigkeiten, Eis, etc. Das alles gibt es auch noch zu etwas humaneren Preisen als wir sie in Deutschland gewohnt sind. Endlich habe ich es mal über mich gebracht, andere Pflanzendrinks außer Hafer- und Sojamilch zu probieren. Alpro Kokos- und Cashewdrink kann man schon für jeweils 1 Pfund ergattern. Bei dem derzeitigen Wechselkurs hatte ich ein bisschen Freudenpipi in den Augen. Danke Brexit. Und ‚fuck me’ schmecken die gut.

Letzter Punkt, versprochen, betrifft das Angebot an veganen Alternativen in Restaurants. Während man in Deutschland, wie ich finde, sehr viel Zeit im Voraus damit verbringen muss, sicher zu gehen, dass ein Restaurant vegane Speisen anbietet, hat man in England häufiger die Chance “auf gut Glück” ein veganes Essen zu bekommen, das nicht gleich Blattsalat mit Salz und Pfeffer entspricht. Die sehr zu empfehlende Kette Zizi’s verfügt sogar über ein separates, veganes Menü. Könnte ich mir sicher sein, dass Besen vegan sind, hätte ich am liebsten einen gefressen. Ein ganzes Menü … NUR für uns Aliens??? Ich war ganz hin und weg. Zwar wird man mit den Allergikern in einen Topf geworfen, aber darüber wollen wir mal hinwegsehen. Schließlich können die ja nichts dafür, dass sie als Kind keine Erde essen durften.

Das mag jetzt alles vielleicht als etwas ZU unterschwellig provokativ und überstürzt evaluiert erscheinen, doch habe ich auch in anderen britischen Städten, u.a. Bristol und Bath ähnliche Erfahrungen gemacht. Grundsätzlich scheint man in England aber auch auf mehr Verständnis oder vielleicht auch nur schiere Höflichkeit zu stoßen, sodass man sich letztendlich gar nicht mehr so andersartig vorkommt. Zum Schluss meines Experiments habe ich mich jedenfalls wie ein vollakzeptiertes Gesellschaftsmitglied gefühlt. Insofern kann Deutschland in Sachen Veganismus noch einiges lernen. Doch nun muss ich schweren Herzens in meine Raumkapsel steigen und mich Richtung Heimat aufmachen, in der Hoffnung, dass die deutschen Provinzler bis zu meiner Ankunft entweder an Weltoffenheit oder an Höflichkeit dazugewinnen. Dies scheint jedenfalls heute noch Lichtjahre entfernt.

Für weitere Fragen zum Thema steht Kimberly unter kimberly@felipeonthego.de zur Verfügung.

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9 Kommentare zu „Veganer sind Aliens: Ein Kleinstadt Vergleich

  1. Ich selbst bin keine Veganerin, aber ich unterstütze meine veganen Freunde wo es geht. Für mich ist es selbstverständlich vegan zu kochen etc. wenn ich Freunde zu Besuch habe und eine/einer davon vegan lebt.
    Ich wohne in einer Kleinstadt im Rheingau (10.000 Einwohner) und muss sagen, dass es zum Glück auch andere Beispiele als deines gibt. Wir haben ein veganes Cafe/Restaurant und auch bei Bäckereien kann man auf Nachfrage ohne Probleme ein belegtes Brötchen.
    Das scheint allerdings echt ein Luxus zu sein im Kleinstadtvergleich.
    LG Inger

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    1. Danke, dass du deine Erfahrung mit mir teilst! Die Situation in meinem Text ist natürlich etwas überspitzt dargestellt. Aber es freut mich, dass es bei dir im Rheingau ein veganes Angebot gibt und dass du offen mit dem Thema umgehst! – Kimberly

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  2. Toller Beitrag Kimberly! Sehr wichtiges Thema….auch ich als Nicht-Veganerin unterstütze Bewusstsein und Nachhaltigkeit, besonders wenn es zur Ernährung kommt. Leider sind hier in Deutschland noch große Lücken im System…. Ich finde deinen Schreibstil sehr schön, mach weiter so!
    Liebe Grüße, Lisa

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  3. Hallo,
    sehr schön geschrieben. Ich lebe in Manobier/Wales. Das ist am Arsch der Welt. Wirklich. Kannst den Ort ja mal googlen. Aber wir haben ca. 10 km weiter: Aldi/Lidl/Asda, coop und einen Tesco-Superstore. Nicht das ich hier im Aldi und Lidl ein riesiges Gemüseangebot habe, so dass ich immer ganz geschockt bin das ich wenn ich nach Deutschland komme in 3 verschiedenen Laden alles zusammen suchen muss. Im Tesco kriege ich hier auch alles Vegane was ich nur möchte. Das ist in Großstädten in Deutschland schon schwer. Hier ist das normal. Selbst am Popo der Welt. Und ich kriege hier auch veganes Eis. In Deutschland schauen die immer ob ich was außergewöhnliches will. Aber, keine Panik, der Fortschritt kommt auch mal zu euch nach Deutschland. Mach weiter so
    April

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